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Archiv 2024

„Wie der Meister, so das Werk“ – so lautet der Titel einer Festschrift, die anlässlich des 65. Geburtstages des Tübinger Mittelalter- und Neuzeitarchäologen Dr. Ralph Röber erschienen ist. Die Publikation erschien als Nr. 9 der „Tübinger Forschungen zur historischen Archäologie“. Darin schildert Dr. Hans-Werner Peine in einem Aufsatz unter dem Titel „Jüdische Kulturspuren“ verschiedene „Ergebnisse archäologischer Suche im Bodenarchiv von Westfalen-Lippe“. Neben verschiedenen Freilegungen von Resten von Synagogen oder Mikwen wird (auf S. 170) auch die Freilegung des Dülmener „Keller Pins“ gewürdigt bzw. (auf S. 172) auf einschlägige Literatur hingewiesen.  

Auszug aus der Festschrift >>>

Das kulturelle Leben im ländlichen Münsterland wurde im frühen 20. Jahrhundert auch von Jüdinnen und Juden geprägt. Der Heimatverein Dülmen und das Stadtarchiv haben am 19. November 2024 zu einem Vortrag mit Sharon Jael Betker eingeladen, der sich mit diesem besonderen Aspekt der Stadtgeschichte befasste.
Im Mittelpunkt des Vortrags stand das Leben von David Dublon. Der Dülmener Lehrer, Kantor und Dirigent wirkte segensreich viele Jahrzehnte in zwei lokalen Männerchören. David Dublon war jüdischen Glaubens und wohnte mit seiner Familie in der Lehrerdienstwohnung an der Synagoge in der Münsterstraße. Mit der so genannten Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland wurden jüdische Mitbürger trotz ihrer Verdienste und Erfolge aus Vereinen und Positionen im Kulturbetrieb verdrängt. Dazu reichte oftmals ein verändertes politisches Klima in der Stadtgesellschaft aus. Offene Judenfeindlichkeit, Hetze und Diffamierungen schufen auch in Dülmen eine Drohkulisse, die es den Menschen mit jüdischen Wurzeln in Dülmen schwer machte, ihr gewohntes, sozial integriertes Leben in Dülmen weiter zu führen. David Dublon ist einer von vielen Musikerbiografien, die die Referentin Sharon Jael Betker im Rahmen ihrer Masterarbeit aufgearbeitet hat. Dazu hat sie Archive gesichtet und Nachfahren befragt.
So konnte Stadtarchivar Dr. Stefan Sudmann zum Ende des Vortrags resümieren, dass einige Archivstücke und Informationen für ihn neu waren und das soll bei Sudmann als ausgewiesenem Stadthistoriker schon etwas heißen.
Das Publikum bedankte sich mit kräftigem Applaus.

Text: Erik Potthoff

Vor 150 Jahren wurde Joseph Bendix geboren

Schon wieder ein 150. Geburtstag; wurde nicht erst unlängst des 150. Geburtstages des Dülmener Viehhändlers Louis Pins gedacht? Ja, in der Tat, die DZ erinnerte im Winter daran, dass am 4. Februar 1874 Louis Pins das Licht der Welt erblickte. Und am 1. September 1874 wurde Joseph Bendix geboren. Sicherlich kannten sich Louis und Joseph aus der jüdischen Gemeinde, aus der Schule – oder ganz allgemein als Kinder eines beschaulichen Landstädtchens, das im Jahr ihrer Geburt noch keine 4.000 Einwohner zählte. Während Louis Pins erst in jüngerer Zeit durch archäologische und archivalische Funde neu ins öffentliche Bewusstsein gelangte, ist das Leben von Joseph Bendix schon vor rd. zehn Jahren in der Schriftenreihe „Jüdische Miniaturen“ (Nr. 168) sowie in einem Wikipedia-Artikel gewürdigt worden. Und was für Dülmen wichtig ist: Sein Name ist in den Sockel des seit 1897 bestehenden Kriegerdenkmals unweit des Kinderwohnheims an der Lüdinghauser Straße eingemeißelt. Die Inschrift hat die NS-Zeit und die Kriegszerstörungen unbeschadet überstanden. Wie kam es zu dieser Würdigung?

Joseph Bendix, der wohl anfangs die jüdische Schule und dann die Rektoratsschule am Bült besuchte, legte 1893 in Münster die Abiturprüfungen ab. Anschließend studierte er in Hannover und Berlin Ingenieurwissenschaften. Nach Erlangung des Diploms ging er 1896/97 zum Militär in die Bayrische Armee, wo er als Leutnant der Reserve entlassen wurden – eine seltene Karriere für einen Juden in damaliger Zeit. 1903 wurde Joseph Bendix Regierungsbaumeister im Eisenbahnbaufach und begab sich noch im selben Jahr ins damalige „Deutsch-Südwest­afrika“, wo er am Bau einer Eisenbahnlinie mitwirken sollte. Als Anfang 1904 der Herero-Aufstand ausbrach, wurde der Reserve-Leutnant vor Ort in den Mili­tärdienst einberufen, um fortan mit einer „Kaiserlichen Schutztruppe“ den Aufstand im heutigen Namibia blutig niederzuschlagen. Am 13. März 1904 fanden Bendix und zahlreiche Kameraden in einem Hin­terhalt ein grausames Ende. Noch im September 1904 erfolgte die Anbringung des genannten Schriftzugs am Dülmener Kriegerdenkmal. 

Dieses Denkmal atmet eine Deutschland-Begeisterung jener Jahre, die uns heute so fremd und überheblich vorkommt. „Was wir erkämpft, das wollen wir behalten“, beginnt selbstbewusst eine Art Gebet. Ein jeder habe „auf seinem Posten“ seinen Beitrag zu leisten. Dass auch Joseph Bendix als Kolonialbeamter überaus nationalistische Empfindungen hegte, ist auf bizarre Weise wohl ein Hinweis auf ein hohes Maß an gesellschaftlicher Integration und Identifikation mit der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft. Seine Gesinnung brachte er etwa in Briefen aus Afrika ungeschminkt zum Ausdruck: „Die Neger hier sind überhaupt ein verlottertes Gesindel, sie lügen und stehlen. (...) Wenn sie nicht parieren, bekommen sie 25 übergezählt.“ Über den Krieg prahlte er gegenüber seiner Familie: „Ab und zu nehmen wir auch einige Herero gefangen, die dann an einem Baum in Karibib aufgehängt werden.“

Es entbehrt nicht einer tragischen Ironie, dass ein Angehöriger jener Volksgruppe, die im Zweiten Weltkrieg Op­fer eines beispiellosen Genozids wurde, rd. 40 Jahre zuvor selbst an Militäraktionen be­teiligt war, die heute ebenfalls als Völker­mord anerkannt sind. Von den sieben Brüdern des Joseph Bendix wurde Julius in Auschwitz ermordet. Albert emigrierte in die Niederlande und nahm sich dort nach dem Einmarsch der Wehrmacht das Leben. Auch Nichte Friederike, Tochter von Josephs Bruder Max, ging in die Niederlande und wurde von hier 1943 nach Sobibor deportiert; an sie erinnert in Dülmen ein Stolperstein. Von diesem Bendix-Stolperstein am Kreuzweg bis zur Bendix-Inschrift am Kriegerdenkmal an der Lüdinghauser Straße, vom Andenken an die Nichte zum Andenken an den Onkel sind es nur wenige Gehminuten – die aber gewissermaßen zwei monströse Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts miteinander verbinden …

Fotos: Dietmar Rabich

In diesem Sommer reiste die Dülmener Pastoralreferentin Ursula Benneker-Altebockwinkel zum ersten Mal nach Polen. An einem Tag besuchte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann das frühere Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz (Oswiecim). Wir haben sie über ihre Eindrücke befragt. 

Wann und mit welcher Motivation entstand die Idee, einmal die Gedenkstätte Ausschwitz zu besuchen?

Jedes Jahr, am 27. Januar, begehen wir in Deutschland den „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“. Es ist der Tag, an dem 1945 die Gefangenen im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von der Roten Armee befreit wurden.
In diesem Jahr hatte ich aus Anlass dieses Gedenktages ein Buch mit dem Titel „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden. – Leben nach Auschwitz“ gelesen. In dem Buch interviewt der Psychiater und Theologe Manfred Lütz den Auschwitz-Überlebenden Jehuda Bacon, dem er in Jerusalem begegnet ist. Das Buch bringt die Lebensgeschichte eines Menschen zur Sprache, der Entsetzliches erlebt hat und trotzdem daran nicht zerbrochen ist. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, wollte ich selbst einmal das Konzentrationslager besuchen. Deshalb planten wir unseren Urlaub für diesen Sommer in Polen.

 

Wie muss man sich den Besuch in Auschwitz vorstellen bzw. was sollte man bei der Planung eines solchen Besuchs beachten?

In den Wochen vor unserem Polen-Besuch haben wir uns mit dem Nationalsozialismus in Deutschland erneut auseinandergesetzt.  
Wir haben viel über den Holocaust und über Auschwitz gelesen.
Mein Mann hatte im Jahr 1989 im Rahmen einer Jugendbildungsfahrt bereits eine Führung mit einem KZ-Überlebenden durch das Lager miterlebt - mir war ein Besuch dort bislang nicht möglich gewesen.
Als wir dann in Polen waren, haben wir uns für eine 6-stündige Führung in deutscher Sprache angemeldet. In unserer Gruppe waren insgesamt 15 Personen, darunter zwei Jugendliche aus Höxter.

 

Welche Eindrücke und Empfindungen des Besuchs der Gedenkstätte sind besonders nachhaltig in Erinnerung?

Der Gang durch die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau hat mich erschüttert und hat wieder einmal die Frage in mir zurückgelassen, wie das alles passieren konnte.
Der Raum, in dem an weiß gestrichenen Wänden die Zeichnungen von jüdischen Kindern angebracht waren, die während ihres Aufenthaltes in Auschwitz angefertigt wurden, hat mich lange beeindruckt.
Diese Skizzen und Bilder drücken auf eindrucksvolle Weise aus, welche Ängste die Kinder ausgestanden haben, aber auch, welche Sehnsüchte
in ihnen lebendig waren, nach einem Leben, wie sie es vor der Deportation in ihren Familien kennengelernt hatten. 
In einem weiteren Raum haben mich die auf unzähligen Buchseiten eingetragenen Namen von vier Millionen Juden beeindruckt, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland ermordet wurden, davon allein ca. eine Million Juden in Auschwitz.

 

Ihren Besuch in Auschwitz haben Sie mit einem besonderen „Auftrag“ verbunden: Können Sie in der gebotenen Diskretion darüber berichten?

Als wir am Montag, dem 1. Juli 2024, morgens um 8.00 Uhr nach Auschwitz aufgebrochen sind, hatte ich ein Stückchen Ziegelstein in meiner Hosentasche. Ich hatte es kurz vor unserer Abreise nach Polen von einem Priester bekommen. Er selbst war vor 25 Jahren in Auschwitz gewesen und hatte dort, am sog. „Weißen Haus“, diesen Ziegelsplitter aufgehoben und mit nach Deutschland genommen. 
Er tat es in Erinnerung und im Gedenken an die heilige Edith Stein, die am 9. August 1942 an diesem Ort vergast und ermordet worden ist.
Der Priester bat mich vor unserer Polen-Reise,  die Tonfliese 
mit nach Auschwitz zu nehmen und sie an dem Ort, von wo er sie einst mitgenommen hatte, wieder abzulegen.
Diesen Gefallen wollte ich ihm gerne tun und so habe ich im Gedenken an Edith Stein und an die vielen Menschen, die in Birkenau zu Tode gekommen sind, die Tonscherbe am „weißen Haus“ wieder zurückgelegt und  sie mit einer Blume geschmückt, die ich direkt neben den Resten der ehemaligen Verbrennungsanlage, also an dem Ort, wo einst der Tod das Sagen hatte,  auf einer bunten Blumenwiese gepflückt hatte. 
Ich dachte dabei an Edith Stein, die einmal gesagt hat:

„Ich glaube, die Unfähigkeit, dem Zusammenbruch der äußeren Existenz ins Auge zu sehen und ihn auf sich zu nehmen, hängt mit dem mangelnden Ausblick auf ein ewiges Leben zusammen: Das ganze Streben eines Menschen ist nur ein Diesseitiges.“  
(Edith Stein, geb. am 12. Oktober 1891 in Breslau, ermordet am 9. August 1942 in Birkenau)

Ich hoffe, dass Edith Stein in ihrer größten Not, in der sie angesichts ihres bevorstehenden Todes in Auschwitz-Birkenau gestanden hat, diesen „Ausblick auf ein ewiges Leben“ in sich getragen hat!

 Fotos: Torhaus in Auschwitz: wikipedia.org#Jason M Ramos - Auschwitz, CC BY 2.0; alle weiteren privat

In diesem Frühjahr hatte die Universität Hamburg (Abteilung Bildarchive) ein ganz besonderes Dülmen-Bild für die Dülmener Erinnerungskultur zur Verfügung gestellt: ein Blick in die kriegszerstörte Viktorkirche, aus südwestlicher Richtung aufgenommen. Der hohe Grasbewuchs in der Ruinenlandschaft und die aufgestapelten Ziegelsteine lassen vermuten, dass das Bild erst 1946 entstand. Dieses Bildmotiv ist nun ein großformatiger Blickfang in der Gedenkecke an der nördlichen Außenwand von St. Viktor in Richtung „einsA“. Das Arrangement von visueller Kulisse und den davor ausgestellten Bomben, die 1945 über Dülmen niedergingen, findet die Anerkennung von Dr. Anke Knapp, Leiterin der Bildarchive des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Hamburg. „Gerade die Kombination mit den Bombenfragmenten finde ich eindrucksvoll“, meint die Wissenschaftlerin. Sie stellt einen Bezug zur Marienkirche in Lübeck her: „In Lübeck stehe ich auch immer ergriffen vor der Kapelle, in der die 1943 vom Turm gefallenen Glocken liegen – so belassen, wie sie damals herabstürzten, im zertrümmerten Boden.“ – Das Foto von der zerstörten Dülmener Kirche stammt mutmaßlich vom Kunsthistoriker und Hochschullehrer Kurt Wilhelm-Kästner (1893-1976), zumindest gehört es zu dessen Nachlass, der von der Universität Hamburg betreut wird. Wilhelm-Kästner war 1947 Verfasser des Werkes „Der westfälische Lebensraum in der Baukunst des Mittelalters“.

Eine Gruppe von rd. 25 Lehrerinnen und Lehrern aus dem Regierungsbezirk Münster besuchte am vergangenen Mittwoch den Dülmener jüdischen Friedhof. Sie alle nehmen seit einem halben Jahr an einem Zertifikatskurs „Praktische Philosophie für die Primarstufe“ der Bezirksregierung teil, der sich wöchentlich im Clemens-Brentano-Gymnasium trifft. „In diesem Zertifikatskurs sprechen wir unter anderem über das Thema Weltreligionen und darüber wie z. B. außerschulische Lernorte, wie Friedhöfe, Gedenkstätten, etc. didaktisch in eine Unterrichtsreihe eingebunden werden können“, erläutert Dagmar Wessel, die den Kurs im Auftrag der Bezirksregierung leitet. „In dem künftigen Unterrichtsfach soll mit den Grundschulkindern auch das Thema Judentum und der Umgang mit der jüdischen Geschichte behandelt werden“, ergänzt ihre Kollegin Jill Doebel. Bei der kleinen Exkursion mit Pfarrer Markus Trautmann zum jüdischen Friedhof wurde deutlich, wie wichtig die konkreten Einzelschicksale in der Wissensvermittlung ist – soweit sie noch bekannt sind. „Hinter den Steinen verbergen sich Gesichter“, findet Trautmann.

 

Foto: privat

Seit kurzem liegt das lang erwartete Werk endlich vor: Gisbert Strotdrees hat seine vielbeachtete Artikelserie aus dem „Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben“ zu einem opulenten Buch ausgeweitet. Auf 180 Seiten entfaltet Strotdrees ein allgemein wenig bekanntes Stück Geschichte für ein breites Lesepublikum. Denn das Landjudentum in Westfalen hat nicht nur eine lange Geschichte, die bis ins Mittelalter zurückreicht, sondern eine reiche kulturelle Tradition, und es birgt viele außergewöhnliche Geschichten. Das Buch ist reich und lebendig bebildert – Die Illustrationen stammen aus Archiven in ganz Deutschland, in den USA und Israel. Etliche Fotografien werden in diesem Band erstmals veröffentlicht. Das Buch trägt die ISBN/EAN: 978 378 435 78 12 und kostet 24,- €. – An verschiedenen Stellen wird auch Dülmen erwähnt, etwa in einer Auflistung über „Jüdische Schützenköniginnen und -könige“ in Westfalen: So war Jacob Leeser 1882 König der Bürgerschützen in Dülmen; 1903 war Sally Mendel Schützenkönig in Rorup. – Unsere Bilder zeigen Gisbert Strotdrees bei einem Vortragsabend 2022 im Dülmener „einsA“ bzw. vor der archäologischen Grabung „Keller Pins“.

Die Gäste, die sich am 7. Juni zur feierlichen Übergabe des Dülmener Gedenkortes „Keller Pins“ einfanden, hatten im Anschluss der Veranstaltung die Gelegenheit, auch einen Blick in den kleinen Gedenkraum zu werfen, der sich an der nördlichen Außenwand der Dülmener Viktorkirche befindet. Hier werden einige Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg aufbewahrt – nämlich die in jüngerer Zeit geborgenen „Blindgänger“ sowie der Rest einer detonierten Fliegerbombe, die im Februar bzw. März 1945 über Dülmen abgeworfen wurden. Zu den Besuchern am vergangenen Freitag gehörten auch Landrat Dr. Schulze Pellengahr (links im Bild) und Bürgermeister Hövekamp (rechts im Bild), die sich von dem eindringlichen Beitrag zur Dülmener Erinnerungskultur beeindruckt zeigten. Eine ebenfalls in der Gedenkecke platzierte Erläuterungstafel >>> gibt einige Hinweise zu den Funden und zum historischen Hintergrund.

In eindrucksvollen Worten hat der Vorsitzende des Dülmener Heimatvereins, Erik Potthoff, den neuen Dülmener Gedenkort „Keller Pins“ gewürdigt. Anlässlich der offiziellen Übergabe des archäologischen Bodenfensters an die Öffentlichkeit am 7. Juni 2024 verglich er in einer Ansprache >>> die präsentierte Leere mit einer Vase: „Eine Vase wird in erster Konsequenz vor allem deshalb sehr geschätzt, weil sie zunächst nichts enthält. Sie ist in ihrem Ursprungszustand leer. Diese Leere ist kein Mangel, sondern vielmehr die inhärente Eigenschaft der Vase. Die Leere ist also nicht ihr Mangel als vielmehr ihr Vorzug.“ Es sei, so Potthoff, gerade das Fehlende, was der Vase das verleiht, was sie schließlich ist. Die neu erschlossene Leere eines früheren Kellergeschosses könne anregen, „an die zu denken, die hier einst zu Hause waren.“

Jonathan

Gedenkort hinter der Kirche St. Viktor hat viele Förderer und Unterstützer.

Wer von der Markt- zur Lüdinghauser Straße gelangen möchte und dafür den Weg quer über Kirchplatz und vorbei an der Rückseite der Kirche St. Viktor nutzt, der hat vermutlich schon einen Blick in den Keller Pins geworfen. Das ist seit einigen Wochen ganz unkompliziert möglich. Denn der Zaun, der den Spielplatz des Familienzentrums St. Anna im einsA vom Kirchplatz abgrenzt, wurde so versetzt, dass Betrachter nun rechts oder links neben die Spitze des gläsernen Tetraeders treten und von dort in den Keller blicken können. Das Gelände des Kindergartens, auf dem sich die Reste des einstigen Wohnhauses befinden, muss dafür nicht betreten werden.

Die Arbeiten am Zaun fanden zur gleichen Zeit statt wie diejenigen zur Umgestaltung des Kita-Spielplatzes. Nun, da alle Arbeiten an Kirchplatz und am Kita-Außengelände sowie am Keller Pins abgeschlossen sind, können Pfarrer Markus Trautmann und die Kirchengemeinde St. Viktor zu einem Festakt einladen, mit dem der Gedenkort Keller Pins der Öffentlichkeit übergeben wird.

Die Veranstaltung findet statt am Freitag, 7. Juni, 15 Uhr. Dazu sind alle Interessierten, Freunde und Förderer des Projekts Keller Pins eingeladen, wie Pfarrer Markus Trautmann betont. Während der gut einstündigen Feier werden Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr, Stefan Ast von der NRW-Stiftung sowie Erik Potthoff als Vorsitzender des Dülmener Heimatvereins Worte sprechen.

Gestaltet wird die Veranstaltung von Schülerinnen und Schülern, die ihre Gedanken zu dem Keller und dem Gedenkort vortragen werden. Musikalisch umrahmt wird der Festakt von Stella Ottinger (Violine) und Andreas Hülsmann (E-Piano). So soll unter anderem Filmmusik aus „Schindlers Liste“ erklingen, heißt es in der Einladung.

Enthüllt wird an dem Tag eine Erinnerungstafel aus Plexiglas samt QR-Code mit Informationen zur Familie Pins und ihrem früheren Wohnhaus.

Nach dem offiziellen Teil der Feier sind die Gäste bei einer kleinen Erfrischung eingeladen, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Das Projekt Erinnerungsort Keller Pins hatte viel Unterstützung erfahren, seitdem im Jahr 2020 bei archäologischen Grabungen am Kirchplatz von St. Viktor die Mauerreste des ehemaligen Wohnhauses der jüdischen Familie Pins freigelegt wurden. Hier, am Kirchplatz 8, hatte sie bis 1938 gelebt. Louis Pins war verhaftet worden und während der Haft 1939 verstorben, Johanna und Jenny Pins entzogen sich 1940 der Verfolgung durch die Nationalsozialisten durch Flucht nach Uruguay. An ihr Schicksal erinnerten bereits die Stolpersteine hinter der Kirche St. Viktor (die für Umgestaltungsarbeiten vorübergehend entfernt werden mussten). Aber der Wunsch war groß, mit dem Keller Pins einen echten Gedenkort zu schaffen. Mehr als 30.000 Euro waren von Dülmener Vereinen und Einrichtungen, aber auch Privatpersonen dafür gespendet worden. Haushaltsmittel standen dafür nicht zur Verfügung. Ursprünglich hatte man überlegt, den Fundort mit einem Gitter mit einer aus dem Stahl herausgearbeitete David-Stern-Kontur zu versehen, sich dann aber für die kostspieligere, schützende Glasdach-Konstruktion entschieden.

 

Möglichkeiten des Gedenkens

Zwischen dem Fund des Kellers Pins und seiner offiziellen Übergabe am 7. Juni liegen mehr als vier Jahre. Denn die Arbeiten für den Erinnerungsort waren eingebunden in die Arbeiten zur Umgestaltung des Kirchplatzes sowie des Außengeländes des Familienzentrums St. Anna im einsA. Die schützende Glaskonstruktion über dem Keller erhielt 2023 eine Einstiegsluke, danach folgte die Restaurierung des Raums. Aktuell sind im Keller Gegenstände zu sehen, die an das Alltagsleben von damals erinnern wie eine bauchige Flasche oder eine Milchkanne. Denkbar ist auch, Fundstücke aus dem Kellerraum zu zeigen. Zu besonderen Anlässen soll der Keller effektvoll beleuchtet werden, auch Lichtinstallationen an die einsA-Wand sind denkbar. Auch ein Touchscreen (Berührbildschirm) mit Infos ist im Gespräch.

 

Bericht der Dülmener Zeitung, Bericht und Fotos: Claudia Marcy
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